Ich werde immer wieder gefragt, warum mir das Thema Barrierefreiheit wichtig ist, warum es bei mir immer irgendwie mitläuft.
Manche, die meine persönliche Geschichte mit einem Autounfall kennen, fragen mich auch, ob dies der Auslöser dafür war. Nein, war es nicht. Es gibt keinen direkten Auslöser, vielmehr ist es ein Zusammenspiel vieler Erfahrungen und Erkenntnisse:
Vielfalt als Motor für Innovationen
Dort wo immer das gleiche reinkommt, kommt auch immer das gleiche raus. Das ist gut bekannt und dieser Mechanismus verhindert bekanntlich jeglichen Fortschritt. Auch in der Natur sehen wir eine unglaubliche Vielfalt und wir beobachten, dass Monokulturen fatale Folgen haben.
Mir persönlich ist es schon immer wichtig gewesen, dass ich mir verschiedenste Zugangsweisen zu verschiedenen Themen angeschaut habe. Jede:r hat andere Erfahrungen und andere Sichtweisen. Zahlen, Daten, Fakten sprechen eine Sprache, Intuition eine andere. Die besten Ergebnisse lassen sich meiner Meinung nach erzielen, wenn wir all das kombinieren.
Menschen mit Behinderungen (und ihre Angehörigen) müssen zum Beispiel besonders kreativ sein, da unser Alltag wenig auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Durch diese Kreativität sind schon etliche Innovationen entstanden, die allen etwas bringen. Der Fachbegriff dazu lautet „Curb-Cut-Effekt“.
Ungerechtigkeiten
Mir fallen Ungerechtigkeiten schnell auf. Viele dieser Ungerechtigkeiten werden in unserer modernen Kultur nach und nach beseitigt und mir ist auch klar, dass manches ungerecht bleiben wird. Doch nachdem ich verstanden habe, wie einfach und gleichzeitig hilfreich es wäre, Menschen mit Behinderungen den Alltag im digitalen Raum zu erleichtern, verstehe ich nicht mehr, warum so ein Drama daraus gemacht wird.
Der Aufwand ist überschaubar, wenn man verschiedenste Bedürfnisse gleich von Anfang an mitdenkt. Der Nutzen ist groß, und zwar nicht „nur“ für einzelne Menschen, sondern für die Gesellschaft an sich.
Frauenrechte
Ich bin eine stille Feministin. Dass ich in bestimmte Schubladen gesteckt wurde, nur weil ich eine Frau bin, habe ich früher schlecht vertragen und meine Lehren daraus gezogen. Doch nach dem es in unserer Kultur diesbezüglich laufend Verbesserungen gibt und es selbstverständlich geworden ist, dass Frauen genauso wie Männer ihren Alltag in der Gesellschaft selbstbestimmt und eigenverantwortlich leben können, frage ich mich, wie lange es noch dauert, bis das auch für Menschen mit Behinderungen gilt.
Ich sehe immer noch sehr viel Trennendes: dort die Gruppe der Menschen mit Behinderungen, da die anderen. Warum wird nicht mehr gemeinsam gemacht? Warum gibt es immer noch soviele Berührungsängste?
Verständliches Design
Früher habe ich zahlreiche Designs aber auch Werbespots nicht verstanden. Ich habe die Aussage nicht verstanden, ich habe nicht verstanden, was das ganze bedeuten soll und konnte daher nicht mitreden und erst recht nicht selbst irgendwas brauchbares gestalten. Das war wirklich ungut, vor allem wenn man etwas mit Mediendesign studiert hat.
Doch ich habe auch beobachtet, dass es nicht nur mir so ging. Wer sich an die Websites der späten 90er und frühen 00er Jahre erinnert, kennt die vielen Animationen und Effekte. Websites waren oft Kunstprojekte und für so manche Nutzer:innen undurchschaubar und unbedienbar.
Damals habe ich für mich beschlossen, dass ich meine Designs und Websites so gestalten möchte, dass sie für die jenigen, die sie nutzen, einfach und verständlich zu bedienen sind. Punkt.
Interessanterweise war dies während meiner Ausbildungen nie ein Thema, obwohl es tolle Literatur dazu gibt, zum Beispiel Victor Papaneks „Design for the Real World“ oder „The Design of Everyday Things“ von Don Norman.
Fokus auf Defizite während der Schulzeit
Ich hatte zahlreiche Lehrer:innen, die es nicht geschafft haben, den Unterrichtsstoff so zu erklären, dass er gut verständlich war. Und statt auf die Schüler:innen einzugehen, wurden sie von manchen Lehrkräften für dumm oder faul erklärt, mit fatalen Folgen für die Jugendlichen. Nicht wenige wurden zurückgestuft oder mussten die Schule verlassen, weil sie nicht mitgekommen sind, obwohl wir wussten, dass sie weder dumm noch faul waren. Dies war mir eine Lehre fürs weitere Leben.
Doch das war nicht alles. Ich habe gern gerechnet und sobald ich etwas verstanden habe, habe ich mir das auch gemerkt. Was mir jedoch sehr zu schaffen gemacht hat, war der Fokus auf die Defizite. Es wurde für die Beurteilung selten die guten Leistungen zusammengezählt, sondern die Anzahl der Fehler.
Gute Noten gab es also nicht für gute Ideen sondern in erster Linie für wenig Fehler. Auch bei Menschen mit Behinderungen steht oft das Defizit im Vordergrund. Versionen für Sehbehinderte werden zum Beispiel mit einem durchgestrichenen Auge gekennzeichnet, anstatt auf Funktionen wie Untertitel oä. hinzuweisen. Es ist nicht aufwändig, das zu verändern. Wir müssen einfach mal beginnen, daran zu denken.
Strukturen
Der Spruch, „man ist nicht behindert, man wird behindert“ ist leider oft noch Realität. Für viele Menschen ist das Hauptproblem nicht, dass sie blind sind oder sich mit dem Rollstuhl fortbewegen, sondern dass es im Alltag immer noch strukturelle Hürden gibt, die ihnen das Leben erschweren.
Dabei gäbe es bereits zahlreiche Technologien wie Screenreader, Rollstuhl, Sprachausgabe, Untertitel, Schreibmaschinen uvm. zur Unterstützung. Wir müssten nur dafür sorgen, dass diese Technologien sinnvoll nutzbar sind und dass wir ihnen keine zusätzlichen Steine in den Weg legen.
Älter werden
Ich kenne nicht viele Menschen, die gerne älter werden. Aber es werden nun mal immer mehr Menschen immer älter. Dadurch steigt auch die Wahrscheinlichkeit, durch Unfälle, Krankheiten oder einfach altersbedingte Beschwerden, den gewohnten Alltag verändern zu müssen.
Als Gesellschaft können wir uns darauf vorbereiten.
Faszinierende Technik
Als ich als Angestellte die Website für das damalige Unternehmen erstellt habe, hat mich unser Systemadministrator auf das Thema Barrierefreiheit aufmerksam gemacht. Das war 2004. Es war mit den damaligen Mitteln schon möglich, eine Website ohne viel Aufwand weitgehend barrierefrei zu gestalten.
Für mich war es augenöffnend und faszinierend zu gleich. Wir haben die Website sauber aufbereitet und viel mehr war nicht zu tun, um Menschen die Möglichkeit zu geben, die Website eigenständig mit ihren eigenen Technologien zu bedienen.
Einladung
Wenn du dir jetzt denkst, „ja, das ist alles schön und gut, aber was hat das mit mir zu tun?“ oder dich vielleicht fragst, „was kann ich tun?“, dann lade ich dich ein, zu einer Veranstaltung zu gehen, die aktiv verschiedenste Menschen zusammenbringt. Sehr empfehlenswert ist das IKT Forum an der JKU Linz das immer im Sommer statt findet.
Über Menschen mit und ohne Behinderungen zu lesen ist eine Sache, aber diese Vielfalt zu erleben eine ganz andere.
