Glossar: die wichtigsten Begriffe rund um digitale Barrierefreiheit leicht erklärt

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Marion Lindert

Barrierefrei

Ich möchte gleich mit dem Begriff „barrierefrei“ beginnen, da dieser einige Widersprüche in sich hat.

„Barrierefrei“ im Sinn der Barrierefreiheitsregeln heißt nicht automatisch, dass es überhaupt keine Barrieren gibt. Die verschiedenen Normen, Gesetze und Richtlinien decken einen großen Teil der Probleme im Alltag ab, aber sie können nicht jede einzelne Eventualität mitberücksichtigen.

Mir persönlich ist das Wort „Barrierefrei“ zu technisch und zu negativ. Was mich an dem Wort besonders stört, ist die Reihenfolge: Es beginnt mit der Barriere und erst danach kommt die Freiheit. Genau deshalb beschreibt es für mich nicht wirklich das, worum es eigentlich geht.

Denn Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass wir Mauern benennen müssen, sondern dass Menschen nicht scheitern sollen, nur weil eine Website zu klein gestaltet, zu kompliziert gedacht oder zu laut inszeniert wurde. Es bedeutet außerdem, dass Menschen nicht auf ihre Einschränkungen reduziert werden, sondern die Möglichkeit bekommen, ein digitales Produkt wie eine Website nutzen zu können, ohne dafür kämpfen zu müssen oder wie Bittsteller dazustehen.

Im englischsprachigen Raum heißt es übrigens Web Accessibility. Auch nicht unbedingt poetisch, aber der Fokus stimmt: Es geht um Zugang. Um den ganz selbstverständlichen Zugang zum Internet für möglichst alle.

Auch wenn ich den Begriff „Barrierefreiheit“ nicht mag, nutze ich ihn weiterhin, weil er im deutschsprachigen Raum weit verbreitet ist. Außerdem geht es gerade bei diesem Thema nicht um Perfektion, sondern um eine Haltung: Niemand bleibt draußen, nur weil wir nicht mitgedacht haben.

Gebärdensprache

Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik, eigenen Ausdrücken, Humor und Kultur. Sie ist keine direkte „Übersetzung“ von gesprochenem Deutsch. Die Gebärdensprache ist die Muttersprache vieler gehörloser Menschen.

Warum das so ist, ist einfach erklärt: Stell dir vor, du lernst sprechen. Was ist das wichtigste daran? Das Hören. Wenn du aber nichts hörst, ist es nicht nur schwierig, sprechen zu lernen sondern es ist auch wirklich schwierig, geschriebene Sprache, auch wenn man die Buchstaben sehen kann, richtig zu verstehen.

Oder stell dir vor, du willst Chinesisch lesen lernen, ohne irgendetwas zu hören. Es ist sicher irgendwie möglich, aber sehr mühsam. Gebärdensprache ermöglicht also Kommunikation und echte Selbstbestimmung für Menschen, die nichts oder kaum etwas hören.

Es gibt übrigens auch nicht „die eine“ Gebärdensprache. Die österreichische Gebärdensprache ist anders als die deutsche, usw.

Leichte Sprache

Leichte Sprache ist nicht einfach eine Vereinfachung der gewöhnlichen Sprache sondern sie folgt strengen Regeln und ist etwas anderes als „einfache Sprache“. Um in Leichter Sprache schreiben zu können, braucht es eine spezielle Schulung. Außerdem gibt es Gütesiegel, die die Qualität der Texte belegen.

Ich habe oft mitbekommen, dass Leichte Sprache belächelt wird: sie sei etwas für „Deppen“ oder Leute die sich nicht bemühen. Das stimmt so nicht, denn Leichte Sprache öffnet Inhalte für Menschen, die sonst immer ein kleines Stück außerhalb stehen würden.

Leichte Sprache ist keine „Kindersprache“ sondern für Menschen, die komplexe Sätze schlecht lesen oder verarbeiten können. Sie unterstützt zum Beispiel Menschen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind. Leichte Sprache hilft aber auch anderen Menschen: Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit geringer Lesekompetenz, mit neurologischen Herausforderungen, mit Sprachbarrieren oder schlicht Menschen, die einfach müde, überlastet oder vom Fachjargon überfordert sind.

Einfache Sprache

Einfache Sprache ist kein offizielles Konzept wie Leichte Sprache, aber sie folgt einem ähnlichen Gedanken: Sie lässt weg, was verwirrt und sorgt dafür, dass Inhalte auch dann funktionieren, wenn jemand müde, gestresst oder einfach nicht in der Stimmung für komplizierte Sätze ist.

Sie macht Kommunikation einfacher und weniger elitär und ist ideal für viele Alltagssituationen. Allgemeine Nachrichten zum Beispiel werden oft in einfacher Sprache gesprochen oder geschrieben.

Es gibt eine internationale Norm die die Grundsätze Einfacher Sprache vermittelt, diese ist aber nicht verbindlich.

Alt-Texte / Bildbeschreibungen

Bildbeschreibungen sind wie eine kleine Stimme im Hintergrund, die erklärt, was auf einem Bild passiert. Es ist ein bisschen, als würdest du jemandem neben dir erzählen: „Auf dem Foto siehst du eine Frau, die am Schreibtisch vor einem Laptop sitzt und arbeitet.“ Einfach, klar, und unglaublich wichtig, weil es Bilder und Informationen sichtbar macht, ohne dass man sie sehen muss.

Alternativ-Texte (kurz Alt-Texte) oder sind kleine, in der Regel unsichtbare Beschreibungen, die erklären, was auf einem Bild oder Video zu sehen ist. Sie werden von Screenreadern vorgelesen oder auch dann angezeigt, wenn das Bild oder das Video nicht zu sehen ist. Ein Alt-Text kann nüchtern sein („Frau sitzt am Laptop“) oder atmosphärisch („Eine Frau lächelt, während sie an einem hellen Holztisch am Laptop arbeitet“).

Entscheidend ist, dass der Alt-Text das beschreibt, was das Bild bezweckt. Das heißt, der Alt-Text kann zwar die Beschreibung vom Bild an sich behalten, aber es gibt viele Situationen, in denen er anders lauten soll: Wenn das Bild nur Dekoration ohne weitere Bedeutung ist, dann soll der Alt-Text leer bleiben. Auf Websites hat es sich eingebürgert, dass man oben über das Logo immer zur Startseite der jeweiligen Website kommt. Hier sollte der Alt-Text „Logo, zur Startseite“ lauten.

Ausreichender Kontrast

Ausreichender Kontrast bedeutet, dass Vordergrund (also meistens Text) und Hintergrund sich klar voneinander unterscheiden. Und zwar so deutlich, dass Inhalte für alle Menschen gut lesbar bleiben.

Schrift, die sich kaum vom Hintergrund abhebt und dazu vielleicht noch klein gesetzt wurde, ist für viele Menschen sein Problem. Gute Kontraste machen Texte sichtbarer, verständlicher und weniger anstrengend, besonders für Menschen mit Sehschwächen.

Ich habe schon mehrere Fälle mitbekommen, in denen das bestehende Corporate Design als Argument genutzt wird, um niedrige Kontraste zu rechtfertigen. „Die Markenfarben kann man doch nicht einfach verändern.“ Und natürlich soll eine Marke wiedererkennbar bleiben. Aber Barrierefreiheit als „unzumutbaren Aufwand“ abzutun, greift zu kurz.

Es ist langfristig keine gute Lösung, sich auf Overlays oder technische Hilfskrücken zu verlassen. Viel sinnvoller ist es, im Sinne der Nutzer:innen zu handeln und Kontraste so zu gestalten, dass Inhalte für alle gut zugänglich bleiben.

Kontrast spielt aber nicht nur bei der Lesbarkeit eine Rolle. Er schafft ganz nebenbei auch klare Hierarchien. Ein fett gesetzter Text wirkt wichtiger als einer in normalem Schriftschnitt, ein größerer Text wichtiger als ein kleiner. Kontraste geben Orientierung. Sie führen Menschen intuitiv durch Inhalte, ohne dass man es bewusst merkt.

Auch KI wird das Thema Kontraste nicht einfach „überflüssig“ machen. Ja, KI-gestützte Systeme können vieles, dennoch bleibt die Gestaltung der Originalversion wichtig. Menschen erleben Websites nicht nur als Informationsquelle, sondern als visuelle Marke, als Stimmung, als Erlebnis oder als vertrauenswürdige Quelle. Und ausreichende Kontraste sind ein wichtiger Teil davon.

Tastaturbedienung

Tastaturbedienbarkeit bedeutet, dass eine Website auch nur mit der Tastatur nutzbar ist: Alle Links, Buttons, Formulare und Menüs müssen über die Tab-Taste erreichbar sein, der Fokus muss sichtbar sein, und Interaktionen müssen zum Beispiel auch per Enter oder Leertaste funktionieren. Klingt simpel, ist aber für viele ein echtes Hindernis, wenn es fehlt.

Für manche ist das Klicken zu feinmotorisch, zu ruckelig oder schlicht unmöglich. Für Menschen mit motorischen Einschränkungen, Tremor, Schmerzen in den Händen, Sehbehinderungen oder chronischen Erkrankungen sind die Maus oder ein Touchscreen schwer oder gar nicht nutzbar. Sogar manche Menschen ohne Behinderungen greifen gerne zur Tastatur: Power-User, viele Entwickler:innen oder diejenigen, die einfach schneller tippen als klicken.

Auch KI wird die Tastaturbedienung wahrscheinlich nicht einfach ersetzen. Besonders, wenn es um Formulare, Behördenwege, Bestellungen oder Buchungen geht, brauchen Menschen weiterhin eine verlässliche, klare Bedienbarkeit.

Solange Websites und andere Softwareprodukte visuelle Oberflächen haben, bleibt die Tastatur ein unverzichtbarer Teil der Bedienung und damit ein unverzichtbarer Bestandteil guter UX und echter Barrierefreiheit.

Sichtbarer Fokus

Ein gut sichtbarer Fokuszustand ist für die Tastaturbedienung äußerst wichtig. Wenn man mit Tab durch eine Seite springt, muss klar erkennbar sein, wo man gerade ist. Ein Fokus, der kaum sichtbar ist oder ganz fehlt, macht die Seite praktisch unbedienbar. Das ist vergleichbar mit einem Menü, das man zwar theoretisch anklicken könnte, aber dessen Einträge nicht angezeigt werden.

Es gibt Menschen, die das hässlich finden. Doch die Frage ist nicht, ob er besonders ästhetisch ist, sondern ob Nutzer:innen die Seite überhaupt bedienen können.

Audiodeskription

Audiodeskription bedeutet, visuelle Inhalte so zu beschreiben, dass auch Menschen mit Sehbehinderungen nachvollziehen können, was im Bild oder Video passiert. Sie ergänzt also all das, was ausschließlich visuell vermittelt wird. Dabei ist sie nicht mit Untertiteln zu verwechseln: Untertitel geben Gesprochenes als visuellen Text wieder, Audiodeskriptionen beschreiben das, was man sieht.

Audiodeskriptionen werden als separate Tonspur zur Verfügung gestellt und erklären, was ein sehender Mensch sieht: Bewegungen, Stimmungen, Gesichtsausdrücke, Szenen. Es ist, als würde jemand neben dir sitzen und alles erzählen, was andere einfach sehen. Für Menschen mit Sehbehinderungen ist das der einzige Weg, Filme, Präsentationen oder Reels vollständig mitzuerleben.

Besonders wichtig sind Audiodeskriptionen, wenn Handlung, Stimmung oder relevante Informationen nur visuell vermittelt werden. Selbstverständlich sollte sie nur klar, knapp und ohne jede Szene vollzusprechen gesprochen werden.

KI kann zwar Bilder erkennen und kurze Beschreibungen generieren. Das ist hilfreich, aber ersetzt keine durchdachte Audiodeskription. KI erkennt nämlich nicht immer, was wirklich wichtig ist, was davon welche Bedeutung hat, welche Emotionen entscheidend sind oder welche Informationen für Nutzer:innen relevant sind.

Screenreader

Ein Screenreader ist eine Software, die digitale Inhalte für Menschen zugänglich macht, die nicht oder nur eingeschränkt sehen können. Er liest nicht nur den offensichtlichen Inhalt vor sondern gibt zum Beispiel auch Rückmeldung über die Funktion oder Position eines Inhalts. Außerdem kann er die Informationen auch an Braillezeilen weitergeben, das heißt die Menschen können die Inhalte dann ertasten und entsprechend Eingaben dazu machen.

Damit das funktioniert, braucht eine Website eine klare, saubere Struktur im Hintergrund: richtige Überschriften, verständlich benannte Buttons, sinnvolle Alternativtexte und korrekt ausgezeichnete Formulare.

Die Bedienung einer Website mit einem Screenreader ist dabei völlig anders, als man es als Sehende:r gewohnt ist: Man bekommt nicht alles auf einmal, sondern hört oder ertastet die Inhalte Schritt für Schritt, Element für Element. Es gibt keinen schnellen Überblick, kein „mal eben alles kurz überfliegen“, die Orientierung hängt vollständig von der Struktur, Logik und Reihenfolge der Seite ab.

KI kann Inhalte erklären oder vorlesen, aber eine saubere semantische Struktur nicht zuverlässig erraten. Gute Barrierefreiheit beginnt daher weiterhin im Code, nur so können Screenreader und Braillezeilen das wiedergeben, was Nutzer:innen sonst nicht wahrnehmen würden. Und ganz nebenbei profitieren auch die KI und Suchmaschinen von sauberer Struktur.

Skip-Links

Skip-Links (oder „Skip to content“-Links) sind unsichtbare, aber besonders wichtige Helfer für Menschen, die mit der Tastatur oder mit Screenreader navigieren. Sie ermöglichen es, lange Navigationsbereiche oder nicht barrierefreie Teile einer Website zu überspringen und direkt zu anderen Inhalten zu kommen.

Für sehende Nutzer:innen sind sie oft unsichtbar, für Menschen, die sich Schritt für Schritt durch die Seite tabben müssen, sind sie eine enorme Erleichterung.

Ohne Skip-Link müssen Tastatur-Nutzer:innen bei jedem Seitenaufruf durch alle Menüpunkte, Social-Icons, Suchfelder und sonstigen Elemente navigieren, die in der Kopfleiste sind, bevor sie zum eigentlichen Inhalt kommen. Das kostet Zeit, Kraft und Orientierung. Ein Skip-Link dagegen kann sie mit einem einzigen Tastendruck direkt zum Inhalt oder in die Fußzeile bringen.

Auch interaktive Bereiche, die eine spezielle Bedienung erfordern und nicht per Tastatur nutzbar sind, sollten über Skip-Links übersprungen werden können. Sonst besteht die Gefahr, dass Nutzer:innen mit der Tastatur dort hängen bleiben oder sich mühsam durch Elemente bewegen müssen, die sie gar nicht bedienen können.

Wenn man es genau betrachtet, ist ein Skip-Link ein kleines Detail mit großer Wirkung. Und eines der einfachsten Barrierefreiheits-Features, die man technisch umsetzen kann.

Hinweis

Ich werde diese Liste laufend ergänzen. Wenn du einen Begriff weißt, der hier reingehören würde, schreibe mir gerne.

Alles Liebe und bis bald,

Unterschrift Marion

Über die Autorin

Marion Lindert